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Osnabrück, 3. August 2017

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Wenn der Seele schwindlig wird: Gedanken entschleunigen und Gottes Trost erfahren

Eine junge Frau ist in Tränen aufgelöst. Gerade macht sie einen Neuanfang in der Stadt. Die Wohnung hat sie neu eingerichtet. Das Studium hat sie gerade erst aufgenommen. Ihr altes Leben hat sie hinter sich gelassen. Den Freund hat sie verlassen. Aus dem gemeinsamen Haus ist sie ausgezogen. Ihren erlernten Beruf hat sie an den Nagel gehängt. Es ist ein Neuanfang in ihrem Leben. Doch nun wird ihr alles zuviel. Sie ist am Boden zerstört. Die Vergangenheit lässt sie nicht los. Die Zukunft macht ihr Angst. In der Seelsorge sucht sie Hilfe.

Manchmal ist die Seele vom Leben überfordert. Die Gedanken beginnen zu kreisen. Immer wieder werden Situationen durchgespielt bis zur Er-schöpfung. Das Gedankenkarussell dreht sich immer schneller, bis einem schwindlig wird. Dann gilt es, die Gedanken zu entschleunigen und den Absprung zu schaffen.

Zuhören ist dabei das A und O. Geteiltes Leid ist halbes Leid. An diesem Sprichwort ist etwas dran. Das Erzählen ordnet die Gedanken. Der Seel-sorger hält den Betroffenen einen Spiegel vor, indem er versucht zu ver-stehen. Wichtig ist, dass er einerseits die Situation nicht beurteilt oder Ratschläge erteilt. Betroffene wissen selbst am besten, was gut und
richtig für sie ist. Seelsorge will helfen, dass jemand sein Leben selbst wieder in den Griff bekommt. Es ist ein Gespräch auf Augenhöhe. Andererseits hört der Seelsorger in sich hinein und versucht, sich in
die Gefühlslage seines Gegenübers hineinzuversetzen. Seine Einfälle können Betroffenen helfen, ihre Situation besser einzuordnen.

Ein Seelsorgegespräch hat jedoch auch eine religiöse Dimension. "Anfechtungen sind Umarmungen Gottes." Dieses Zitat zeigt, dass Martin Luther in persönlichen Krisen Gottes besondere Nähe gespürt hat. So tröstet es zu wissen, dass sich die Situation in Gottes Beisein verwandeln kann. Gott sorgt für die Seele. Dann kann man auch dem Leben wieder vertrauen.

Alexander Wilken