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Auf ein Wort

Nachricht Osnabrück, 07. Juli 2018

. . . und wenn die Welt voll Teufel wär

Martin Luther ist ja nicht nur berühmt geworden, weil er die Bibel ins Deutsche übersetzt hat. Er war auch ein fleißiger Texter von Liedern und er hat es mit dem einen oder anderen Titel bis in die Charts seiner Zeit geschafft. Sein berühmtester Liedtext beginnt mit den Worten: „Ein feste Burg ist unser Gott!“  Das wurde ein echter Hit, der sich bei den Evangelischen über Jahrhunderte gehalten hat. Bekannt geworden sind die trotzigen Zeilen: „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.“

Manche sahen und sehen in dem Choral so eine Art Kampflied – vielleicht war es auch für Luther selbst so etwas. Es sollte Mut machen, wenn eine Pestepidemie die Menschen in Angst und Schrecken versetzte. Leider ist es auch tatsächlich als Kampflied missbraucht worden. Im 30-jährigen Krieg zum Beispiel.

Am 8. Mai vor 73 Jahren endete der fürchterlichste Krieg des 20. Jahrhunderts, der Zweite Weltkrieg. Rund achtzig Millionen Tote hat er gekostet, fast so viel, wie Deutschland heute Einwohner hat. Nur noch wenige Menschen können sich an die Kriegs- und Nachkriegszeit erinnern. Die allermeisten, so wie ich auch, sind nach dem Krieg geboren. Wir kennen gar nichts Anderes als Frieden.

73 Jahre: In den letzten tausend Jahren hat es in Deutschland noch nie eine so lange Friedenszeit gegeben. Mit der Aussöhnung zwischen den angeblichen Todfeinden Deutschland und Frankreich begann das Zusammenwachsen Europas. Die Schlagbäume an vielen Grenzen verschwanden, seit 1989 auch Richtung Osten. Die Europäische Union brachte mit Zusammenarbeit und Freizügigkeit für Menschen und Handel einen ungeahnten Wohlstand für die allermeisten Menschen.

73 Jahre Frieden. Man kann fragen, womit wir so viel Glück eigentlich verdient haben. Oder man kann auch einfach nur dankbar sein. Jedenfalls ist es wichtig, sich heutzutage daran zu erinnern. Denn als sei die Zeit davor völlig in Vergessenheit geraten, gibt es wieder Stimmen für einen neuen, blinden, rückwärtsgewandten Nationalismus. Die Grenzen sollen wieder hochgezogen werden, möglichst nur die eigenen nationalen Interessen entscheiden. Das ist genau jene Denkweise, die allein im vorigen Jahrhundert zweimal in die Katastrophe geführt hat.

Und tausendfach lehrt die Geschichte: Wer kompromisslos selber der Größte sein will, der wird zwangsläufig versuchen, alle anderen klein zu machen oder zu halten. Der kommt um gefährliche Kraftmeiereien nicht herum, wird anfällig für Feindschaft und Hass. Deshalb sind diese rechten Gedankenspiele in Europa heute so gefährlich. Wir sollten ihnen widerstehen.

Jesus Christus kann dabei ungemein helfen. Wie so oft in seinen Reden hat er auch in der Frage von Groß und Klein das übliche menschliche Denken kurzerhand auf den Kopf gestellt: Als seine Jünger einmal mit einer unsinnigen Hierarchie-Debatte beschäftigt waren, sagte er zu ihnen: Wer unter euch der Größte sein will, der soll euer Diener sein. Stoff zum Nachdenken für weitere 1000 Jahre Frieden!

Hilko Danckwerts