Vereinstag_120_300_altern

Lutherkirche

Versuch einer theologischen Deutung

Als 1909 unsere Lutherkirche eingeweiht wurde, herrschte im 1871 gegründeten Deutschen Reich Kaiser Wilhelm II. Seit 38 Jahren lebte Deutschland im Frieden und so war die Stimmung in Theologie und Geisteswissenschaften positiv geprägt Der Kaiser inszenierte seine Macht eindrucksvoll im expandierenden Berlin. Man glaubte, der Mensch war mit seinen Möglichkeiten auf dem Weg hin zum Reich Gottes. Seit der Reformation war der Landesherr Bischof der jeweils evangelischen Landeskirche und der preußische König und deutsche Kaiser nahm daher regen Einfluss auf das, was in der evangelischen Kirche geschah.
Das 1. Vatikanische Konzil hatte am 18. Juli 1870 den Papst für unfehlbar erklärt. Das förderte im damaligen Kaiserreich ökumenische Gedanken nicht sonderlich. Die römischkatholische Kirche musste sich gegen manche antikatholischen Maßnahmen und Gesetze des damaligen Reichskanzlers Bismarck behaupten. Der Kaiser förderte daher sehr den evangelischen Kirchenbau. Es entstanden in jener Zeit unzählige Kirchen. Er stiftete u.v.a. die ev. Erlöserkirche in Jerusalem, die er selbst 1898 einweihte und ließ in Rom die deutsche ev. Christuskirche bauen.
In dieses Klima fiel der Bau der Lutherkirche und es beeinflusste natürlich das theologische Konzept der Kirche.
Nicht ein Kreuz, sondern der auferstandene Christus dominiert den Kirchraum. Wie in vielen römischen Kirchen aus der Zeit Kaiser Konstantins (im 4. Jahrundert wurde das Christentum unter Konstantin zur Staatsreligion) thront der Allherrscher, mit dem sich Konstantin verbunden fühlte, in der Apsis der Kirchen. So auch in den Kirchenbauten in der wilhelminischen Zeit. Auch der deutsche Kaiser fühlte sich dem triumphierenden Christus näher, als dem leidenden Gott am Kreuz.
So steht das Altarkreuz in der Lutherkirche unscheinbar auf der Rückwand des Altars. Es war nicht die Zeit für einen leidenden und sterbenden Gott am Kreuz. Diese Stimmung änderte sich zum ersten Mal nach dem 1. Weltkrieg. Bei der unbarmherzigen Materialschlacht um Verdun wurde den Menschen deutlich, wozu seinesgleichen im negativen fähig ist. Die Friedensbemühungen einer Berta von Suttner (sie mahnte bereits 1912 vor einem internationalen Vernichtungskrieg) waren vor 1914 auf taube Ohren gestoßen. Nun mussten die Menschen die Grausamkeit ihresgleichen hautnah erleben. Dies fand eine nicht geahnte Steigerung im 2. Weltkrieg und der Name Auschwitz wurde zum Synonym der Unmenschlichkeit.
So finden wir 50 Jahre nach der Einweihung der Lutherkirche in den neuen Tochterkirchen Margareten und Melanchthon zwei überdimensionale Kreuze im Mittelpunkt der Kirchen. Der Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts fühlte sich verbunden mit dem leidenden Christus, der solidarisch an der Seite des Menschen seinen Tod erleidet und stirbt.
Daher hat sich der Kirchenvorstand der Lutherkirche in den letzten Jahren bemüht, mit einem neuen Beleuchtungskonzept das Kreuz auf dem Altar mehr in den Blick der Gemeinde zu rücken. Und so verdreifacht sich unser unscheinbares Altarkreuz in den Schatten des Altarraums.
Denn Kirchbauten sind keine musealen Orte, sondern sie sind immer Abbilder der Theologie ihrer Zeit. Und wenn sich Theologie und damit auch Liturgie verändert, dann muss sich der Kirchraum den neuen Erkenntnissen anpassen. In der katholischen Kirche geschah dies auf eine sehr radikale Weise nach dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965), als die vielen Einzelund Hochaltäre liturgisch für den einen Volksaltar in der Mitte der Kirche abgeschafft wurden. Da musste manche alte Kirche architektonisch neu gestaltet werden.
Die Lutherkirche wurde als protestantische Predigtkirche konzipiert. In der Frontseite der Kirche wurden die Sakramente und die Predigt wie auf einer Perlenschnur aufgereiht.
Auf der rechten Seite beginnt es mit der hohen Kanzel. Sie ist einem Buchrücken nachempfunden und sie ist so hoch, damit der Prediger von allen Sitzplätzen, auch von den drei Emporen aus, gesehen und gehört wird und vielleicht auch, dass der Prediger seine ganze Gemeinde sieht. Um das Hören geht es in dieser Kirche, daher nutzen die Bänke optimal jeden Quadratzentimeter der Kirche aus. Der Pfarrer nannte sich auch in den Publikationen der Gemeinde seinerzeit auch nicht Pastor, sondern Prediger.
An die Kanzel schließt sich der Altar mit den Ähren und Weinsymbolen in der Rückwand und dem Taufbecken auf der linken Seite der Kirchenfront an. Die zwei Sakramente der ev. Kirche (sieben Sakramente hat die röm.-kath. Kirche) werden der Gemeinde vor Augen gestellt. Einen klassischen Chorraum gibt es nicht, nur eine angedeutete Apsis, die vom Altar verstellt ist und ihr Gegenüber in der Apsis der Orgelempore findet, die heute von der Nachkriegsorgel ebenfalls verstellt ist.
So wurde ein rechteckiger, evangelischer Versammlungsraum für die Gemeinde geschaffen. Es ging 1909 um einen neuen protestantischen Kirchbau, der sich von den röm.-kath. Kirchen absetzen und unterscheiden sollte.
Als die Margareten- und Melanchthonkirche gebaut wurden, besann man sich hingegeben auf gemeinsame ökumenische Wurzeln. Beide Kirchen errichteten eine Taufkapelle im Eingangsbereich, denn symbolisch gilt seit alters her die Taufe als Eingangszulassung für die Gemeinde. In vielen katholischen Kirchen findet man solche Baptisterien daher im Eingangsbereich, so auch im Hohen Dom von Osnabrück. Interessanterweise sind in beiden Kirchen die Taufbecken im Laufe der letzten 50 Jahre in den Altarraum „gewandert“. Liturgische Gegebenheiten waren der Anlass, dass während des Hauptgottesdienstes getauft wurde und das nicht im Rücken der Gemeinde geschehen sollte.
So sind unsere Kirchengebäude stets einem Wandel unterzogen, der aus den theologischen und liturgischen Erkenntnissen der jeweiligen Zeit geleitet wird.
So wird die Lutherkirche zur Festwoche zum ersten Mal seit der letzten Renovierung von ihren Bänken befreit werden. Der Kirchenvorstand möchte damit der Gemeinde die Möglichkeit geben, ihre Lutherkirche noch einmal ganz anderes zu erleben. Sie war allein ausgerichtet auf das Hören des Wortes. In den letzten 30 Jahren haben wir aber erkannt, dass Gemeinde mehr ist als die Schar der Hörenden. Gottesdienste, wo zum Beispiel die Gemeinde um den Abendmahlstisch steht, gehören mittlerweile genauso zum Gemeindeleben wie Festessen im Kirchenschiff oder spielende Kinder, die für sich ihre Kirche „erobern“. All dies wollen wir in unseren Festwochen erproben und erleben und damit die Lutherkirche lebendig erhalten. So wie die Menschen im Jahr 1909 eine der modernsten Kirchen, nicht nur von der Ausmalung her, erlebt und belebt haben.

Diakon Dirk Hartung

Eine kunsthistorische Annäherung

Im März 1988 wies der Feuilleton-Redakteur Wendelin Zimmer in der NOZ unter der Überschrift: „Die Lutherkirche ein Jugenstiljuwel", überschwänglich auf die Freilegung der Dekorationsmalerei hin. Mehr als 30 Jahre war diese Malerei von einer weiß/grauen Dispersionsfarbe überdeckt. Durch eine notwendig gewordene Renovierung, Mitte der 80er Jahre, wurden hinter einer hölzernen Wandverkleidung Reste der ursprünglichen Jugendstilmalerei entdeckt. Nach zweijähriger Renovierungs- und Restaurierungsarbeit konnte die Kirche am 9. Juli 1989 wieder als Jugendstilkirche in neuem Glanz erstrahlen.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde der überwiegende Anteil der Kirchen mit Jugendstilausmalungen mit einer monochromen hellen Putz- und Farbschicht überzogen. Ausstattungsdetails jener Zeit wurden vernichtet oder in Abstellräume verbannt.
Mitte der 1980er Jahre fand ein Umdenken statt. Durch die Zusammenarbeit von fortschrittlichen Pfarrgemeinden und moderner Denkmalpflege konnten einige dieser Kirchen weitgehend wieder in ihren ursprünglichen Zustand versetzt werden. So auch die Lutherkirche in Osnabrück.
Der Jugendstil, in Österreich - Sezessionsstil, in Frankreich - Art nouveau, in Italien - Stile Liberty, in Spanien – Modernismo, in England - Modern style, begann in der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts und dauerte etwa bis zum 1. Weltkrieg. Eine genaue zeitliche Abgrenzung ist schwierig, weil sowohl der Übergang vom Historismus zum Jugendstil als auch die Entwicklung vom Jugendstil zur Moderne fließend waren. Die Intention der Kunstschaffenden war es, den negativen Aspekten der zunehmenden Industrialisierung eine Erneuerung der Alltagswelt, durch die Verbindung von Kunst und Handwerk entgegen zu setzen. Der Neuanfang sollte frei sein von den Vorgaben jener Zeit, sollte sich absetzen vom Historismus und dessen gleichzeitiger Verwendung verschiedener historischer Stile nebeneinander. Architekten, Maler, Grafiker und Kunstgewerbler strebten danach, ein Gesamtkunstwerk zu konzipieren. Die florale Richtung des Jugendstils nahm gegen Ende der Stilphase ab zugunsten einer abstrakt-geometrischen Form.
Der Architekt der Lutherkirche, Karl Christian Friedrich Börgemann (1851-1938), übernahm für den Entwurf der Innenausmalung dieser Kirche nicht einfach bestimmte Jugendstilmotive, sondern lediglich deren Gestaltungsprinzip. Der gesamte Kircheninnenraum ist in stofflich wirkenden Farben gehalten, es überwiegen Grau, Beige und ein Ockergelb. Akzente setzen Blau- und Rottöne. An den großen, musterlos gebliebenen Wandflächen ist die Untergrundfarbe in batikartigem Hell-Dunkelcharakter aufgebracht worden. Durch die ornamentale Ausmalung wird die Wirkung der Architektur intensiviert. Rautenförmige Muster verzieren den Sockelbereich des Kirchenschiffs. Die Emporen-Arkaden haben Bänder mit rechteckig eingerahmtem Blumenmuster. Die Gurtbögen des Spitztonnengewölbes präsentieren ein quadratisch abgegrenztes Blattmuster mit kleinen stilisierten Blüten. Der Bogen, der die Apsis einrahmt, zeigt im unteren Bereich rechteckig eingefasste Blattmotive, die im oberen Bereich in umgekehrter Farbgebung in ein geometrisches, von quadratischen Blumenmotiven unterbrochenes Band, übergehen. Die Arkadenzwickel weisen kleine runde Formen auf, die durch die winzigen goldenen, stilisierten Herzformen innerhalb eine Kreuzform bilden. Das Spitztonnengewölbe hat als Muster kleine helle Spiralen, die wie Sterne wirken.
Das einzige Bildmotiv ist das von Hermann Schaper (1853-1911) entworfene Christusbild an der Rückwand der Apsis.
Ein Vergleich der Ansicht vor und nach der Restaurierung bedarf, meiner Ansicht nach, keines weiteren Kommentars.

Eva Petersen M.A.
 

Busverbindung

Haltestelle: Lutherkirche
Linie: 21, 53, Stadtteilbus

Summary

Die Lutherkirche wurde am 14. November 1909 nach gut zwei Jahren Bauzeit eingeweiht. Die Planung stammte von dem Architekten Karl Christian Friedrich Börgemann aus Hannover. Im Jahr 1927 erlangte sie ihre Selbständigkeit. Zuvor war sie eine Tochtergemeinde von St. Katharinen. Die Kirche wurde im Jugendstil erbaut. Der basilikale Bau erinnert an das Lied Ein feste Burg ist unser Gott des Reformators Martin Luther.