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Lesen . . . Eine kleine Liebeserklärung

Nachricht Osnabrück, 18. Januar 2019

Ich lese sehr gerne. Aber wenn mich ein Buch richtig packt, rückt (fast) alles andere in den Hintergrund. Dann verschlinge ich das Buch, ich esse das Buch wie die Luft zum Atmen, um ein Zitat der Schriftstellerin Sylvia Plath abzuwandeln. Sorgenvoll betrachte ich dann die schwindenden Seiten und am liebsten würde ich dem Buch noch weitere anhängen. Wenn ich das Buch dann durchhabe, bin ich davon durchdrungen, beseelt, eine andere Welt hat Platz genommen in mir. Ich bin bereichert von dieser anderen Welt, aber fühle mich gleichzeitig auch ihrer beraubt, denn nun ist diese Geschichte wahrlich zu Ende.

So war es auch gerade wieder, als die Anfrage kam, über mein Lieblingsbuch zu schreiben. Ehrlich gesagt hatte ich wenig Zeit, denn ich war am Lesen. Und das Buch war gut! Sehr gut sogar! War dies etwa mein (neues) Lieblingsbuch?

Bevor ich die Frage beantworten wollte, ging ich an meinen Bücherschrank. Dort standen manche schon in Vergessenheit geratenen Schätze. Aber es fehlten noch zig andere – ausgeliehene Bücher, weitergegebene Bücher. Schnell wurde mir klar, Aufzählen ging schon lange nicht mehr … es waren einfach zu viele. Und das eine Lieblingsbuch gab es nicht, sondern nur viele Lieblingsbücher. Viele, weil Bücher, vieles können und auch können müssen, um zu Lieblingen zu werden. Es fängt damit an, dass sie Neues bereithalten, von dem ich vorher nichts ahnte. Sie führen in andere Welten
ein oder lassen neue entstehen, ob das nun die unbekannten Welten der Bäume eines Peter Wohllebens sind oder die Zauberwelten eines Harry Potters. Dabei sollten sie zu unterhalten wissen, Herz haben und auch (lebens-)klug sein (oder „warm, witty and wise“, wie englischsprachige Bücher gerne angepriesen werden) wie Gut gegen Nordwind (Daniel Glattauer), Elefant (Martin Suter) oder Drei Mann in einem Boot (Jerome K. Jerome).

Und spannend dürfen sie auch sein, wie Nussschale (Ian McEwan) aus der Perspektive eines ungeborenen Kindes, das Zeuge eines Mordes wird, von dem der Autor angibt, sein einziges Anliegen sei gewesen, dem Leser Freude am Lesen zu bereiten. Mit Blick auf die zu erwartenden Reaktionen der Literaturkritiker sagte er dem Guardian: „I’m going to get such a kicking.“ Und wenn dann noch die Sprache zu überzeugen weiß und Sätze wie gestochen scharfe Gemälde – immer aber im Dienst der Geschichte – hinzukommen, wie in Der große Gatsby (F. Scott Fitzgerald) oder in den Kurzgeschichten von Alice Munro, was will man mehr? Vielleicht, dass die Bücher mit all dem davor Gesagten über sich hinausweisen, dass die Leser in den fremden, bisweilen exotischen Welten ihre Fragen, ihre Hoffnungen wiederfinden, weil dem Geschriebenen eine Menschlichkeit – oder eine Sehnsucht danach! – innewohnt, die uns alle anrührt.

Das können Bücher wie: Alles, was wir geben mussten (Kazuo Ishiguro), Wer die Nachtigall stört (Harper Lee), Tausend strahlende Sonnen (Khaled Hosseini), Bevor ich sterbe (Jenny Downham), Hallo Mister Gott, hier spricht Anna (Fynn) oder auch Pu der Bär (A. A. Milne) und noch viele andere mehr. Damit taugt auch das zuletzt gelesene Buch zum Lieblingsbuch: Denn dort beschreibt Michelle Obama in ihrem Becoming. Meine Geschichte von ihrem Prozess, sie selbst zu werden und ihre eigene Stimme zu finden, und gibt dies als Ermutigung an ihre Leser weiter, die eigene Stimme zu finden und sich der eigenen Geschichte zu ermächtigen.

Corinna Küster