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Lob der Schöpfung als Einübung in Dankbarkeit

Nachricht Osnabrück, 16. September 2019

Franz von Assisi als
"rolemodell" für uns heute


Franz von Assisi hat die ganze
Welt als beseelt angesehen: die
Lebewesen (Tiere, Pflanzen) und
Gestirne (Sonne, Mond) und auch
die Elemente (Erde, Feuer, Wasser,
Luft). Franz spricht sie alle als
Geschwister an, denn sie sind mit
uns Menschen in eine Schöpfungs-
ordnung eingebunden. Nach seiner
Überzeugung hat die sichtbare Welt
unmittelbar mit Gott zu tun. Das
Leben der Kreatur hat im Leben
Gottes seinen Ursprung und seinen
Bestand.

Gemeinsam mit der ganzen Schöpfung will Franz von Assisi das Lob Gottes singen. Er sagte einmal: Früh morgens, wenn die Sonne aufgeht, sollte jeder Mensch Gott loben, der sie geschaffen hat, denn durch sie werden unsere Augen am Tag erleuchtet. Am Abend, wenn es Nacht wird, sollte jeder Mensch Gott loben wegen des Bruders Feuer, weil durch ihn unsere Augen bei Nacht erleuchtet werden.

Franz‘ Begleiter schrieben später: Wir, die wir mit ihm zusammen waren, sahen, wie er sich bei fast allen Kreaturen innerlich und äußerlich beständig freute, wie er sie berührte und gerne sah. Damit war sein Geist nicht auf der Erde, sondern schien im Himmel zu sein.

Nach der Legende war Franz von Assisi sterbenskrank, als er seinen Sonnengesang verfasste. Trotzdem fühlte er sich geborgen in Gottes Schöpfungsordnung. Selbst der Tod, den alle Menschen fürchten, ermahnt Franz zum Lobe Gottes. Der Tod erscheint als ein natürlicher Vorgang, nicht als etwas Fatales und Böses für den Menschen. Als Unglück erweist sich am Ende allein der „zweite Tod“, nämlich dann, wenn der Mensch nicht im Einklang mit dem Willen Gottes gelebt hat. Dankbarkeit für die Schöpfung ist der Leitgedanke des ganzen Sonnengesanges.

Der Schöpfungsglaube drückt die absolute Freiheit Gottes bei seinem Handeln aus. Gott hätte eben auch ganz einfach die Welt nicht erschaffen können. Aber es gibt mich, es gibt Sie, liebe Leser, es gibt unsere Welt. Damit ist unser Leben nicht einfach nur ein Zufall. Auf die Frage „Warum bin ich überhaupt da?“ könne wir dankbar antworten: Es gibt mich, weil ich von Gott gewollt und nach seinem Willen geschaffen bin.

Die Welt verdankt ihr Dasein nicht sich selbst. Dass der Mensch sagen kann: „Ich bin!“ – das ist Gnade. Wir empfangen ja das Leben von Gott ohne unser Zutun als Geschenk. Gott setzt den Anfang, den wir dankbar immer wieder neu erleben können. Er ereignet sich jeden Morgen neu beim Anblick des Sonnenaufgangs, angesichts eines neugeborenen Kindes, beim Aufstehen nach langem Krankenlager oder wenn im Frühling das erste Grün sprießt. In allen diesen Anfängen begegnet uns Gottes Gnade.

Gott ist da als Garant des Lebens und will nicht, dass seine Schöpfung ins Nichts zurücksinkt. Am Ende der Schöpfungsgeschichte heißt es: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut“ (1Mose 1,31). Die Schöpfung entspricht dem Willen und dem Wesen des Schöpfers. Dankbar sehen wir uns als Teil einer Schöpfungsordnung, die Gott nicht aus seinen Händen geben wird. Die Unvollkommenheit des Menschen aber ist eine Frage an den Menschen selbst, nicht an Gott.
Doch daran schließt sich der Glaube an, dass Gott die Welt einmal von all diesen Widersprüchen erlösen wird.

Der Sonnengesang des Franz von Assisi lädt uns heute ein, die Welt und unser Leben als Gnade Gottes zu begreifen, für die wir dankbar sein können.

Dietmar Otte

Verfasser

Dietmar Otte

Der Gesang von Bruder Sonne

Franz von Assisi

Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein ist das Lob, die Herrlichkeit und
Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie
und kein Mensch ist würdig, dich zu
nennen.

Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
besonders dem Herrn Bruder
Sonne, der uns den Tag schenkt
und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend in
großem Glanz: von dir, Höchster,
ein Sinnbild.

Gelobt seist du, mein Herr, für
Schwester Mond und die
Sterne. Am Himmel hast du sie
geformt, klar und kostbar und schön.

Gelobt seist du, mein Herr, für
Bruder Wind, für Luft und Wolken
und heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deine Geschöpfe am
Leben erhältst.

Gelobt seist du, mein Herr, für
Schwester Wasser. Sehr nützlich
ist sie und demütig und kostbar
und keusch.

Gelobt seist du, mein Herr, für
Bruder Feuer, durch den du die
Nacht erhellst. Und schön ist er
und fröhlich und kraftvoll und stark.

Gelobt seist du, mein Herr, für
unsere Schwester Mutter Erde, die
uns erhält und lenkt und vielfältige
Früchte hervorbringt, mit bunten
Blumen und Kräutern.

Gelobt seist du, mein Herr, für jene,
die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Not.
Selig, die ausharren in Frieden,
denn du, Höchster, wirst sie einst
krönen.

Gelobt seist du, mein Herr, für
unsere Schwester, den leiblichen
Tod; kein lebender Mensch kann
ihm entrinnen. Wehe jenen, die in
tödlicher Sünde sterben. Selig, die
er finden wird in deinem heiligsten
Willen, denn der zweite Tod wird
ihnen kein Leid antun.

Lobt und preist meinen Herrn
und dankt und dient ihm mit
großer Demut.