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Optimiere dich selbst - mach' mehr aus dir?

Nachricht Osnabrück, 28. April 2019

Was sollte man bitte dagegen haben, immer besser zu werden? Ist es nicht gut, sich immer wieder neue Ziele zu stecken, z.B. schlanker zu werden, seine Leistung zu steigern? Alles ist optimierbar! Dieser Grundsatz der Leistungsgesellschaft geht uns durch und durch. Es ist das Prinzip des Marktes, das inzwischen alle Bereiche unseres Lebens bestimmt. Erwarten wir nicht ganz selbstverständlich, dass Angebote in Geschäften immer besser und günstiger werden? Wenn ich diesen Grundsatz hier infrage stelle, setze ich mich nicht gleich der Kritik aus: Soll denn alles so bleiben, wie es ist?

Was macht es jedoch mit unserer Seele, wenn wir uns selbst und unsere Beziehungen zu Menschen nach Leistung und Wettbewerb beurteilen?

Gegen Optimierung an sich ist nichts einzuwenden, solange aus dem „Du darfst dich optimieren“ kein „Du musst immer besser werden“ wird. Nie wird das Bestmögliche erreicht sein. Es gibt ja kein konkretes Ziel, auf das wir hinarbeiten, wo jemand sagt: „Jetzt ist es genug, du hast das Klassenziel erreicht.“ Fernsehen und Internet zeigen uns ständig, was noch geht, wo wir noch besser werden können. Gerade die vielfältigen Möglichkeiten einer Schönheitsoperation sind ein gutes Beispiel. Da müssen wir nicht erst an Michael Jackson mit seinen zahlreichen Optimierungsversuchen denken.

Das Leistungsprinzip wird zur Ersatzreligion.

Das Streben zum Besserwerden wird zum Versuch, dem Leben selbst mehr Wert beizumessen. Hier ist ein Grundanliegen der Reformation berührt. Luthers Frage „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“ lässt sich heute übersetzten mit: „Was muss ich tun, damit ich geliebt und anerkannt werde?“ Die Antwort des Glaubens lautet: Durch die Gnade Gottes wird der Mensch gerecht gesprochen, von Gott anerkannt, so wie er ist. Paulus beschreibt ausführlich, wie die Gnade das Leben neu und anders beherrschen kann (Röm 5). Für uns heute übersetzt kann man sagen, dass der Mensch seinen Lebenswert in sich selbst hat, er muss ihn sich nicht verdienen - und kann es auch gar nicht.

Jesus nennt als höchstes Gebot: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte.“ (Lk 10,27). Wenn Gott die Mitte meines Lebens ist, bestimmt er die Maßstäbe. Gott liebt mich und weil das so ist, kann ich entspannt mit mir selbst und anderen umgehen. Denn Jesus ergänzt: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ (Lk 10,27). Jesus schafft ein Gegenmodell zur Selbstoptimierung als Lebenskonzept. Wir dürfen uns selbst annehmen, weil wir wissen, dass wir in Gottes Augen längst optimal sind. Wenn wir in dieser Gnade leben, gilt: Ein guter Baum bringt gute Früchte. Unser Leben ist fortan für Gott – und soweit unsere Kräfte reichen – für den Nächsten da. Und das in aller Freiheit, aus Dankbarkeit für die Liebe, die Gott schenkt.

Aus dem „Du musst!“ der Ersatzreligion Leistungsprinzip wird ein „Du darfst!“, das mich sehr frei und unabhängig von allem inneren Druck macht, mich in allen Bereichen optimieren zu müssen.

 

Dietmar Otte

Gedanken von:

Dietmar Otte