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Die Vermessung des Selbst

Nachricht Osnabrück, 28. April 2019

Ich gebe zu, der Titel ist eher nichtssagend. Aber bei der Erarbeitung unseres Themas „Selbstoptimierung“ kam mir spontan das Buch „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann in den Sinn. Er entwickelt dort die fiktive Biografie von Carl Friedrich Gauß, dem großen Mathematiker, und parallel dazu die des Naturforschers Alexander von Humboldt. Das Buch wimmelt von Zahlen und wir erleben, selbstredend, das Vermessen der Welt. Dies geschieht vor dem Hintergrund der beiden großen Wissenschaftler und ihrer kleinlichen Streitereien: Wer war besser? Wer hat mehr gesehen von der Welt? Humboldt fragt sich am Ende selbstkritisch, „wer von ihnen weit herumgekommen war und wer immer zu Hause geblieben [ist].“ Die Vermessung der Welt darf daher auch als ihre Ver-Messung gelesen werden.

Nach einer Umfrage des Branchenverbandes Bitkom nutzt etwa ein Drittel der Bundesbürger ab 14 Jahren sogenannte Fitness-Tracker zur Messung von Gesundheitswerten. Die häufigsten gemessenen Werte sind demnach Körpergewicht, Anzahl der gegangenen Schritte sowie die zurückgelegte Strecke. „Dabei tritt das gesellschaftliche Leitbild der Selbstoptimierung und der Einzelverantwortung stärker in den Vordergrund“,1 schreiben die Autoren der 2016 von der Schweizer Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung vorgelegten Studie „Quantified Self - Schnittstelle zwischen Lifestyle und Medizin“. Der Körper werde als Ergebnis der persönlichen Leistung gesehen.

Große Firmen haben mittlerweile erkannt, dass aktive Auszeiten zwischendurch das Arbeitsklima und die Leistung der Angestellten steigern können. BMW bietet seinen Arbeitnehmern regelmäßig Yoga-Stunden und autogenes Training direkt im Büro oder in den Besprechungsräumen an. Um die Angebote wahrnehmen zu können, gelten auch hier flexible Arbeitszeiten. Die passenden Fitness-Tracker gibts gratis dazu. Selbst Pausen sind nicht mehr selbstlos, sondern werden mit dem Ziel der Optimierung der Arbeit angeboten und sogar gesteuert. Alles muss messbar sein, sonst ist es nicht optimierbar. Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte der allmählichen Quantifizierung der Welt, könnte man meinen.

Aber es sind ja nicht nur die Fitnessergebnisse, die uns antreiben. Auch die Ernährung kann optimiert werden! McDonalds ist längst out. Cleaneating ist angesagt, also der Verzicht auf industriell verarbeitete Lebensmittel. Mittlerweile gibt es jede Menge Restaurants, die das anbieten. Noch besser wäre natürlich zu Hause zu kochen und es dann mit auf die Arbeit zu nehmen. Auch das hat einen schönen Namen bekommen: „Mealprepping“. Also gesunde und nährstoffreiche Lebensmittel zu verarbeiten, wie Avocado und so... Ach nein, die sind ja so 2017. Feige soll gerade in sein, habe ich im Radio gehört. Am besten mit Fiji-Wasser genossen... oder so ähnlich. Hauptsache, irgendein Superfood!

Ich glaube, ich sollte meine To-do-List auf dem Smartphone besser pflegen. Bei all den Gesundsheits- und Optimierungstrends komme ich nicht mehr hinterher.

Hilko Danckwerts

Gedanken von:

Hilko Danckwerts

Pastor Hilko Danckwerts