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Kirche über den Dächern

Nachricht Osnabrück, 02. Juli 2019

Kirchenglocken sind Musikinstrumente.
Deswegen gebührt ihnen ein Artikel in unserem Südwind zum Thema „Klingende Kirche“. Glocken haben ihre eigene Sprache und Verkündigung. Dem werde ich im  Folgenden nachspüren.

Die Bedeutung des Geläuts ist vielfältig. In der Vergangenheit hatten Glocken die wichtige Aufgabe, Menschen über Ereignisse zu informieren. An der Glocke sowie an der Art, wie sie geläutet wurde, erkannte man, worum es ging. In Friedrich Schillers bekannter Ballade „Das Lied von der locke“ wird der Lauf eines Menschenlebens mit allen Höhen und Tiefen vom Klang der Glocke begleitet. Der feierliche Ton klingt seit Jahrhunderten über das ganze Abendland. Glocken gehören somit zu unserem kulturellen Erbe. Der Blick auf die lange Geschichte der Glocken lehrt uns, den Brauch des Läutens zu pflegen. Wenn wir keine Glocken hätten, bliebe nur der profane Lärm des täglichen Einerlei.

Dass die Kirche Glocken benutzt, ist gar nicht so selbstverständlich. Paulus schreibt in 1Kor 13,1: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle“, und dachte dabei an Handglocken, die er aus dem weltlichen Gebrauch kannte. Sie wurden etwa zur Ankündigung der Marktöffnung oder der Badezeit in den Thermen geschlagen. Christen übernahmen sie erst langsam und machten sie dann zum Instrument der Verkündigung des Evangeliums. Als Erfinder der Kirchenglocken gilt der heilige Paulinus, der sie um das Jahr 420 als großes klangliches Motiv der Kirche in seinem Bistum Nola bei Neapel einsetzte.

Heute haben die Gemeinden in ihrer Läuteordnung festgehalten, zu welchen Zeiten bestimmte Glocken erklingen sollen, um ihre Botschaft zu verkündigen. Mit dem Glockengeläut beginnt der Gottesdienst. In unserer Südstadtkirchengemeinde läuten drei Glocken zum Hauptgottesdienst, das Vollgeläut mit allen vier Glocken erklingt nur an den Christusfesten Weihnachten und Ostern sowie zu Pfingsten, um die besondere Bedeutung dieser Feste zu kennzeichnen. Die Stundenschläge als Zeitansage erinnern uns daran, wie die Zeit vergeht. Lebenszeit ist uns von Gott geschenkt, sie ist endlich. Daher mahnt uns die Glocke, mit der kostbaren Zeit bewusst umzugehen. Die drei Tagzeitengeläute um 7 Uhr, 12 Uhr und 18 Uhr erinnern uns ebenfalls daran, dass wir unser Leben aus Gottes Hand haben. Leben kann gelingen, wenn wir das im Alltag nicht vergessen; und das regelmäßige Gebet ist ja ein Weg, Gott in unserem Leben Raum zu geben. Morgens um 7 Uhr sind wir eingeladen, den Tag betend zu beginnen. Abends um 18 Uhr können wir auf unsere Arbeit dankbar zurückblicken. Das Geläut mittags ist seit alters eine Aufforderung, für den Frieden zu beten. Somit sind die Glocken Zeichen, die uns davor bewahren, gottvergessen im Alltag zu versinken. Darüber hinaus zeigen Glocken auch heute wichtige Ereignisse im Leben der Gemeindeglieder an, z.B. zu Hochzeiten oder Konfirmationen.

Unsere Lutherkirche besitzt vier Stahlglocken, jede trägt einen Namen: Geduld, Friede, Freude und Liebe. Letztere ist mit 130 cm die größte unter ihnen ( 1Kor 13,13). Im Galaterbrief 5,22 erklärt Paulus, welche Tugenden der Geist Gottes hervorbringt: „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit.“ Wenn wir uns in unserem Leben für Gott öffnen, lassen wir Gottes Geist in uns wirken. Die Glocken erinnern uns daran, dass es sich lohnt.

Dietmar Otte

Verfasser

Dietmar Otte