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Zur Botschaft der Krippe

Nachricht Osnabrück, 16. November 2019

Dieses Jahr war ich in der Woche vor Ostern in Neapel. Dort fiel mir in einer Kirche eine wunderschöne Krippenlandschaft auf. Neapolitanische Krippen sind berühmt für ihren Reichtum an Figuren und Szenen mitten aus dem Leben. Ich sah Menschen bei ihrer Arbeit, in ihrem Zuhause, im Wirtshaus. Alles wurde mit viel Liebe zum Detail dargestellt: Gegenstände des Alltags, ein Korb, eine Säge, ein Brunnen und vieles mehr. Ich musste in all der Vielfalt genau hinschauen, um Maria, Josef und das Jesuskind zu entdecken.„Warum steht die Weihnachtskrippe eigentlich in der Karwoche immer noch in der Kirche?“, so fragte ich erstaunt den Kirchenführer. Das sei doch ganz selbstverständlich, gab er zur Antwort. Viele Menschen in Neapel hätten das ganze Jahr über eine kleine Krippenlandschaft in ihrer Wohnung.

Er erzählte weiter: Die Idee der Krippe geht auf den heiligen Franz von Assisi zurück. Weihnachten war für ihn das wichtigste aller Feste, weil das Heil mit der Geburt Jesu Christi in die Welt kam. Im Jahr 1223 gestaltet Franz die Menschwerdung Gottes als ein sichtbares und erlebbares Ereignis. In der Nähe des Städtchens Greccio feierte er mit seinen Brüdern und den Bauern der Umgebung den Weihnachtsgottes-dienst unter freiem Himmel. Es wurde eine Stallszene aufgebaut, als fände die Geburt Jesu gerade jetzt statt. Alle sollten es mit eigenen Augen sehen können, wie hilflos und bedürftig Jesus in unsere Welt kam. Mitten in unseren Alltag wird Gott Mensch. Ochs und Esel waren auch schon dabei und erkannten in dem Kind in der Krippe den Herrn der Welt (Jesaja 1,3). Gott kommt, um die gesamte Schöpfung zu erlösen. Weil mit der Geburt
Jesu alles anfängt, was unser Leben mit Gott verbindet, war es Franz ganz wichtig, das Geschehen ganz und gar lebendig zu machen. Später entwickelte sich aus dieser lebenden Krippe die uns bekannte Figurengruppe.

Von Italien aus trat die Krippentradition ihren Siegeszug durch die ganze christliche Welt an. Neapel war dabei ein Zentrum, in dem die Krippenlandschaften besonders reich gestaltet wurden. Viele von uns werden vor Weihnachten ihre Krippen vom Speicher holen und die Figuren liebevoll in und um den Stall aufstellen. Das Christuskind kommt dann mitten in unseren Alltag hinein. Als ich die Kirche in Neapel verließ, gingen mir die Worte des Kirchenführers nach. Ich verstand, warum die Krippe in Neapel nicht nur zu Weihnachten in der Kirche und in den Wohnungen steht. Gott kommt in unseren Alltag. Um das Heil zu erkennen, müssen wir dazu freilich die Augen offen halten.

Dietmar Otte