Foto: Abrams

Jahreslosung 2019

Nachricht Osnabrück, 18. Januar 2019

Manchmal ist so eine Zugverspätung gar nicht so schlecht. Plötzlich gibt es einen freien Raum, 15 Minuten unverplante Zeit, bis dann hoffentlich der Zug losfährt. „Aber was mache ich jetzt damit?“, dachte ich am 2. Januar, als ich von Köln wieder nach Osnabrück fahren wollte: „Auf dem Bahnsteig ist es zu kalt und windig.“ Also schlenderte ich durch die warme Passage
und sah mitten zwischen den Leuchtreklamen, den Schnellrestaurants und Bäckerläden eine Trümmerlandschaft. Köln nach dem Krieg, die Hohenzollernbrücke, halb im Rhein liegend.

Zwischen dem Schutt und den Ruinen Menschen – ein Drehorgelmann mit nur einem Bein, eine junge Mutter mit Kinderwagen, ein rauchender Soldat, Leute, die versuchten, etwas zu verkaufen. Und als ich um die Ecke bog, kam da eine Prozession von weißgekleideten Kommunionkindern und in einer Mauerecke saß auf einem alten Teppich Maria mit dem Kind und Josef stand daneben. Dahinter ein paar neugierige Kinder. Und im Glas, in dem sich die bunten Lichter spiegelten, sah ich immer hindurch auf all diesen Überfluss von heute.

„Suche Frieden und jage ihm nach!”, fordert die Jahreslosung für 2019 aus dem Psalm 34. „Nie wieder Krieg!”, heißt es nach jedem Krieg. So unvermittelt auf die brutale Wirklichkeit eines Krieges gestoßen, wie mit der Kölner Trümmerkrippe ist es als ob ein Geist vorüberzieht und mahnt: „Lasst es nie wieder soweit kommen!” Haben wir es geschafft? In Mitteleuropa ja. Aber sonst? Eher nicht. Frieden fällt nicht vom Himmel. Den muss ich aktiv und leidenschaftlich suchen, dem muss ich nachjagen wie einem scheuen Reh, das nur dann Zutrauen gewinnt und kommt, wenn ich leise bin und vorsichtig und berechenbar. Wenn ich  vertrauenserweckend bin. Wenn ich Geduld habe und auch mal warten kann. Wenn ich die Hände hebe und zeige: hier, keine Waffen! Wenn freundliche Worte fallen. Wenn geteilt wird, was wir zum Leben brauchen.

Dann kam mein Zug, es war voll, ich war dankbar für den Sitzplatz, den ich fand. Meine Nachbarin telefonierte zweimal kurz – einmal auf Deutsch und dann in einer fremden Sprache. Wie gut, im Frieden zu leben.
Ein friedvolles neues Jahr wünsche ich uns allen...

Ina von Häfen