Foto: Abrams
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Sehnsucht - Jenseits von Eden

Nachricht Osnabrück, 26. Mai 2021

Sehnsuchtsorte sind mehr als Lieblingsorte.
Lieblingsorte habe ich viele und sie verändern sich immer mal wieder. Sie richten sich nach meiner Stimmung und danach, was ich gerade benötige.
Sehnsucht ist aber eine Antriebskraft, die hinter vielem steckt, das ich tue und lasse in meinem Leben.
Mein Bewegungsradius ist durch die Pandemie eingeschränkt worden. Dies spüre ich immer dann, wenn ich meine Wohnung verlasse. Vieles, was zu meinem Leben gehörte, ist nicht mehr möglich. Es beginnt mit dem spontanen Kaffee im Straßencafé und endet mit dem Urlaub in Italien. Die Sehnsucht, die hinter diesen Orten steht, ist die Freiheit. Die Sehnsucht, frei zu entscheiden, was ich tun und lassen möchte. Die Freiheit wird so zu einem Sehnsuchtsort.

Und dann sind da die Einschränkungen der Begegnung mit anderen Menschen. Wenn ich Menschen begegne, dann sehe ich nur ihre Augen. Nur einen Menschen darf ich zu mir nach Hause einladen. Alle Veranstaltungen sind seit Monaten nicht mehr möglich.

Ich trage eine tiefe Sehnsucht nach der Begegnung mit Menschen in mir. Ich sehne mich nach Gesprächen, nach dem Austausch untereinander. Ich sehne mich nach dem Lächeln und dem freundlichen und den liebenden, respektvollen Blick meiner Mitmenschen.

Gleich am Anfang der Bibel wird im 2. Kapitel des Genesisbuches ein Sehnsuchtsort beschrieben. Es ist der Garten Eden. Gott wird uns wie ein Gartenplaner vorgestellt. Mit großer Liebe und Fürsorge gestaltet er einen wundervollen Garten, voller Tiere und Früchte. In diesen Garten setzt er den Menschen. Diesen ersten Menschen kann ich mittlerweile gut verstehen. Er hat alles und trotzdem sehnt er sich nach einem Gegenüber. Und Gott erkennt seine Sehnsucht: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei ...“ sagt Gott und erschafft ihm einen Gehilfen. Erst der andere Mensch hilft dem Menschen den Garten Eden zu genießen.

Der Genuss wurde dann im Laufe der Geschichte getrübt. Auch als der Mensch den Garten Eden verlassen musste, blieb ihm diese Sehnsucht erhalten. Erst die Sehnsucht nach dem anderen Menschen machte den Garten Eden zu einem Sehnsuchtsort. Nur im Spiegel des anderen sind wir vollständig und erleben auf unterschiedlichste Weise die Erfüllung unserer Sehnsucht. Der andere hilft uns so zu dem zu werden, wozu wir geschaffen sind.

Dirk Hartung